von Radmila Mladenova

In ihrer Masterarbeit Über Zigeuner-Repräsentationen in Literatur und Film, die 2014 für hervorragende Forschungsleistungen durch die Stiftung Kommunikations- und Medienwissenschaften an der Mannheimer Universität ausgezeichnet wurde, versucht Radmila Mladenova anhand des Films „Ich traf sogar glückliche Zigeuner“ offenzulegen, wie die Wahrheit über „Zigeuner“ her gestellt wird, aus welchen Komponenten sie besteht und wer von dieser Wahrheit profitiert.

Was ist das Besondere an diesem Film?

Heutzutage gilt Petrovic´s Film als Klassiker der südosteuropäischen Filmgeschichte und wurde z.B. in einem Artikel in der FAZ vom 3. April 2013 als „die erfolgreichste Filmproduktion Jugoslawiens“ erwähnt. In der Tat, im ersten Jahr brach der Film alle Kassenrekorde in Jugoslawien und erhielt eine Reihe von Auszeichnungen, unter anderen den Grand Prix des Filmfestivals von Cannes (1967) sowie Oscar und Golden Globe Nominierungen (1968). Über Jahre hinweg hielt er den Rekord für den populärsten Film in Jugoslawien und wurde in mehr als 100 Länder verkauft.

Wer hat die Definitionsmacht?

Der serbische Regisseur Petrovic´ war nicht nur für die Filmregie zuständig, sondern auch für das Drehbuch, für die Rollenbesetzung und für die Auswahl an „authentischen“ Charakteren, Orten und Artefakten. Die Dialoge unter den „Zigeunern“ im Film wurden aus dem Drehbuch zusätzlich für die Schauspieler in Romanes übersetzt. Das Ergebnis ist ein Autoren-Film, der gleichzeitig überwiegend als „wahrhaft“, „ethnographisch“ oder „dokumentarisch“ wahrgenommen und zelebriert wird. Merkwürdigerweise wurden aber drei der vier Hauptrollen von Nicht-Roma Schauspielern gespielt: dem Kosovo-Albaner Bekim Fehmiu und den Serben Olivera Vucˇo und Bata Živojinovic´. Nach den Dreharbeiten machten nur diese Menschen einen großen Karrieresprung: Bekim Fehmiu wurde nach Hollywood eingeladen und dadurch zum ersten osteuropäischen Schauspieler, der den Eisernen Vorhang überwand; Olivera Vucˇo und Bata Živojinovic´ wurden zu großen Stars in Jugoslawien. Petrovic´ selbst wurde zum „europäischen Regisseur“ erklärt. Gordana Jovanovic´ aber, die einzige Romni unter den Hauptprotagonisten, verschwand wieder von der Kinoszene, wie auch alle andere Roma, die als „authentische“ Requisite eingesetzt worden waren.

Inhalt

Die Geschichte des Films, die den Ideen des Regisseurs entsprang und die mit Hilfe der Kamera wie ein Abdruck der Realität wirkt, stellt ein Kompendium abweichenden Verhaltens dar: gröbste Armut, durchgehend Schmutz, Übermut jenseits der menschlichen Begriffsmöglichkeiten, sexuelle Promiskuität, Kinderheirat, Heirat außerhalb der Kirche, häusliche Gewalt und Mordtaten, Analphabetismus, Mangel an persönlicher Unabhängigkeit, Bettelei, Körperbehinderungen, schwankende Arbeitsmoral, unübersichtliche Geschäfte, übermäßige Trunkenheit, exzessives Glücksspielen, Mißachtung der Behörden. Als interpretativen Rahmen setzt Petrovic´ am Anfang des Films ein Zitat aus der biblischen Geschichte ein: „Es war aber daselbst eine große Herde Säue auf der Weide auf dem Berge. Und sie baten ihn, daß er ihnen erlaubte, in dieselbigen zu fahren. Und er erlaubte es ihnen. Da fuhren die Teufel aus von dem Menschen und fuhren in die Säue. Und die Herde stürzte sich mit einem Sturm in den See und ersoff.“

Blackface minstrel show

Die „Zigeuner“-Gestalt, die im Film hergestellt wird, ist die andere Seite, die lichtlose Gestalt des weißen Europäers. Das Herstellungsmuster von Petrovic´s Film ähnelt mehr einer blackface minstrel show, d.h. einer rassistischen Maskerade, als einer Dokumentation. Die Hauptfunktion von Petrovic´s filmischer Maskerade ist es, eine Hierarchie zwischen Menschen aufgrund ihre Hautfarbe zu legitimieren.

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